Von einer, die auszog, das dreckige Laufbein zu schwingen

Ein Bericht aus den Tiefen des Matschs, von Eve-Catherine Trieba

Muffel, der. Ein Mensch, der einer bestimmten Sache wenig bis gar keine Begeisterung entgegenbringt.

Die ersten 28 Jahre meines Lebens war ich so ein Muffel. Und zwar in Bezug auf jegliche sportliche Betätigung - ganz besonders aufs Laufen. Dabei hatte ich es wirklich versucht. Unzählige Stoppuhr-überwachte Runden auf dem harten Schulhof-Asphalt verdarben zwar ziemlich viel. Aber eben nicht alles.

Als Studentin schnallte ich mir bestimmt … drei Mal im Fitnessstudio die Laufschuhe an. Nur um zu erkennen, dass ein Laufband für die Motivation ungefähr so förderlich ist wie ein weiches Sofa plus frisches Popcorn. Als mein erster Arbeitgeber ein Team für den Firmenlauf rund um die Siegessäule zusammenstellte, raffte ich mich dennoch auf. Und was soll ich sagen? Es war eine Qual. Ich gab mir zwar größte Mühe, jedes vorbereitende (Intervall-)Training und die sechs Kilometer des Rennens irgendwie lebendig zu überstehen. Doch unmittelbar danach verschwand diese Akte ziemlich lange in meinem ganz privaten „Kann-man-machen-muss-man-nicht“-Schrank.

Ungefähr zur Zeit des berüchtigten Firmenlaufs - bei dem hunderte Zuschauer erleben konnten, wie eine Mitte-Zwanzigjährige rot, gebückt und keuchend der Straße des 17. Juni die Ehre erwies -  zog mein erster eigener Hund bei mir ein. Und ja, ich gestehe: er hatte Feuer in seinem süßen Welpen-Popo. Doch Frauchen hatte sich ganz bewusst für einen energiegeladenen Entlebucher Sennenhund entschieden. Träumte das ehemalige Landei doch von stundenlangen Wanderungen in einsamer Natur, bei dem ein unermüdlicher Begleiter ihr Gesellschaft leisten sollte.

Drei Jahre gingen ins Land und wir beide wanderten tatsächlich ziemlich viel. Täglich im Berliner Grunewald, so oft wie möglich im Harz, in Niederbayern und anderswo. Doch die eine oder andere Flause in Dandos kleinem Hundeschädel zeigte mir, dass ihm im Alltag oft etwas fehlte. Er wollte mehr, schneller, aufregender. So hatte der Muffel sich das eigentlich nicht vorgestellt. Und noch war er nicht bereit, seine Laufschuhe wieder aus dem Schrank zu räumen.

Doch dann kam 2016. Und mit ihm der erste Tough Hunter. Ein Geländelauf in unberührter Natur, bei dem Mensch und Hund zusammen matschige Hindernisse überwinden und durch das Abenteuer noch enger zusammengeschweißt werden sollten. Ich muss gestehen, der Funke zündete bei mir sofort. Schließlich war ich im Kuhstall aufgewachsen und vermisste dieses Gefühl, abends dreckig aber glücklich nach Hause zu kommen. Im Herzen all die aufregenden Abenteuer, die man zwischen Wald und Weide erlebt hatte. Dreck macht glücklich. Hund auch. Die Kombination musste herrlich sein!

Es gab nur ein Problem. Auf dem rund 8 Kilometer langen Trail sollten Hund und Herrchen nicht einfach gehen, sondern rennen. Und zwar gemeinsam. Davon hatte ich schon gehört. Und es war nicht ermutigend gewesen. Als Dando bei einer Zughunde-Schnupperstunde vor den Scooter  gespannt worden war und Frauchen herausfand, wie teuer so ein Ding ist, hatte sie ganz kurz hingehört, als die Sprache aufs Canicross kam. Also das Rennen mit Hund im Zuggeschirr. Die Moral von der Geschicht': Wenn man einen Vierbeiner mit großer Zugkraft und -freude hat, sollte man unbedingt (!) ein geübter Läufer sein. Sonst würde es einfach nur weh tun. Das klang gut. Nicht.

Trotzdem. Die Idee des Geländelaufs ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Träumend begann ich, auf dem Spaziergang einfach mal wieder querfeldein zu laufen und herzhaft in Pfützen zu springen. Doch ein richtiges Training war das natürlich nicht. Das begann erst, als sich – den Sozialen Medien sei Dank - ein reinrassiges Entlebucher-Team formierte, das bei der Premiere des Tough Hunter in Warmensteinach an den Start gehen wollte. Spätestens jetzt war es um mich geschehen. Ich schloss mich der Gruppe von begeisterten Frauen und ihren wahnsinnigen Hunden an. Und das gemeinsame Training begann. Zumindest virtuell. Denn obwohl wir unsere Erfolge und Rückschläge miteinander teilten – im wahren Leben trainierte jede für sich. Schließlich lebten wir zum Teil mehrere hundert Kilometer voneinander entfernt.

So stand ich also in den ersten Canicross-Tagen im Frühjahr 2016 mit meiner Zughunde-Ausrüstung im Wald und wusste nicht so richtig, wo ich anfangen sollte. Zum Glück gibt es in einer Stadt wie Berlin kein Interesse, das man nicht mit anderen teilt. Der Verein Hauptstadt Canicross nahm mich mit offenen Armen auf und erklärte mir alles, was ich über den Sport wissen musste. Naturtalent Dando brauchte man nichts zu erklären. Der wusste ab Minute eins, worum es ging und hängte sich ins Zuggeschirr, als ginge es um sein Leben. Bei Frauchen sah das auf den ersten Trainingsrunden ganz anders aus. Im Frühjahr schaffte ich mit Hund höchstens ein bis zwei Kilometer, bevor ich zusammenbrach. Und auch die Trainingseinheiten im Sommer ohne Hund starteten nicht gerade vielversprechend. Einen echten Muffel dreht man nicht so schnell von links auf rechts. 

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Doch ich blieb am Ball. Vor allem, weil Dandos Begeisterung daran, endlich einen echten Job zu haben, einfach mitreißend war. Umso schwieriger gestalteten sich die Kilometer, die ich ohne Hund laufen musste. Es fehlte nicht nur an Dandos Zugkraft, sondern vor allem an seiner Motivation. Alleine, in der Stadt, auf Asphalt, fühlte es sich irgendwie falsch an und langweilig. Trotzdem war klar: Wenn wir auf unserem ersten Lauf wirklich gemeinsam ins Ziel kommen wollten, musste Frauchen an ihrer eigenen Ausdauer arbeiten. Und zwar ordentlich. Etwa 2 Wochen vor unserem Rennen schaffte ich zum ersten Mal die 8 Kilometer. Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen. Auf einmal war der Weg zum Ziel gar nicht mehr so schlimm. Ich war vorangekommen. Und konnte noch atmen. Das zählte.

Mit ordentlich Neugier und Schmetterlingen im Bauch reisten wir schließlich im Oktober 2016 ins Fichtelgebirge und schmissen uns mit allem, was wir hatten, in den Dreck. Das Gefühl? Einfach unfassbar geil! Wenn du das erste Mal auf die Knie fällst, sich deine Hände in den kühlen Matsch graben und deine Hose bis auf den Schlüpfer nass wird. Wenn dein Körper einen aufputschenden Hormon-Cocktail ausschüttet, der unter anderen Umständen unter das Betäubungsmittelgesetz fallen würde. Wenn du wie aus weiter Ferne die Anfeuerungsrufe von Team und Zuschauern hörst. Und dein Hund sich mit einem begeisterten Ausdruck zu dir umdreht. Dann weißt du mit etwas Glück: Hier bist du genau richtig. Ein Gefühl, das mindestens noch einige Tage anhält. Und aus einem Trainings-Muffel eine begeisterte Läuferin macht.

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Bei mir war es genau so. Und deshalb bin ich seit Oktober 2016 mit dem Canicross-Virus infiziert. Den Hund vorspannen wenn der Regen dir um die Ohren knallt und du durch 15 Zentimeter tiefen Matsch waten musst? Jederzeit! 20 Kilometer laufen während der Schneesturm dir die Sicht nimmt? Absolut! Ordentlich Gas geben wenn ein Biker denkt, er könnte dich leicht abhängen? Ein bisschen Spaß muss sein!

Um was es mir bei den Rennen, auf denen ich mit Dando starte, allerdings nicht geht: die Zeit. Wir wollen – alleine oder zusammen mit unserem Team – Spaß haben und Neues erleben, neue Menschen kennenlernen, uns dreckig machen. Je mehr Matsch, desto besser! Umso mehr freue ich mich, dass Camp Canis 2018 noch mehr Dreck, Schwung und Team-Spirit in die Canicross-Welt bringt. Wingst, wir kommen!

 Das kleine Schwarze - geht immer. Pic aus dem Camp Canis Shooting November 2017

Das kleine Schwarze - geht immer. Pic aus dem Camp Canis Shooting November 2017

Melanie KniesComment