Der Heiligabend-Lauf für das gute Gewissen

oder 

Wenn der Körper spricht  

Keine schöne Weihnachtsgeschichte

Zum Hören oder zum Lesen

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Bevor um 18 Uhr der allheiligabendliche Wurst-Kartoffelsalat-Reigen beginnt und die Endjahresvöllerei einläutet, geht es noch einmal mit den Hunden in den Wald, um sich mit geplanten 6 km ein wenig Fettlagermöglichkeiten freizuräumen und den Vierbeinern das Angebot zu machen, den Abend ausgepowert zu verschlafen.

Um 14 h geht es los mit der bekannten Diskussion mit sich selber.

„Ich habe wirklich keine Lust“ sagt der Geist.

„Wie immer“ nörgelt die Seele.

„Es wird uns guttun“ klugscheißert das Hirn.

Die Muskeln fangen laut an zu lachen. „Ja Schwabbel, du hast gut reden. Lässt dich von uns durch die Gegend tragen und machst hier einen auf Supersportler.“

„Ohne mich würdet ihr permanent auf die Fresse fliegen, ihr Blödmänner“ giftet das Hirn zurück.

„Das tun wir mit dir auch“ kontern die Muskeln.

„Jaaa…und wessen…“ „Darunter leiden doch wohl…“ „Oh, jetzt kommt’s wieder…“

„RUHE“ schreien die Ohren dazwischen. „Da wird man ja bekloppt. Einer nach dem anderen, bitte. Der reinste Kindergarten ist das hier.“

Hirn: „Schuld am Stolpern sind die Augen, die keine vernünftige Meldung machen.“

Knie: „Warum regt ihr euch eigentlich auf. WIR leiden doch wohl am meisten unter dem Stolpern.“

Augen: „Ja ja, jetzt kommt wieder die alte Leier. Wir sind Augen und keine Maschinen. Wenn es dunkel wird, dann können wir nun mal nicht mehr sehen. Also besser, wenn die Muskeln jetzt mal aufmachen. In einer Stunde ist die Sonne weg.“

Um 15 h beginnen die Füße mit ihrem Job und trommeln über den Waldboden.

Die Muskeln arbeiten mit, die Knie entspannen sich langsam, das Hirn überwacht die Kommandozentrale und die Augen strengen sich an, keine Wurzel zu übersehen.

Nach 2 km fängt die Lunge an zu keuchen.

„Oh nö,“ stöhnt das Zwerchfell, „jetzt geht das wieder los.“

„Hey,“ schnappt die Lunge gierig nach Luft, „nur weil das Hirn 25 Jahre auf Nikotin war, muss ich mir jetzt ewig und immer wieder dein Genöle anhören?“ japst die Lunge. „Beschwer dich bei dem Ex-Junkie oben, nicht bei mir. Und jetzt mach deinen Job, sonst können wir gleich umdrehen.“

„Nein“ jauchzt das Dopamin. „Bitte nicht. Ich wollte gerade mitspielen. Ich zieh mir nur noch schnell was Hübsches an. Bin gleich da.“

Noch ein Kilometer

„Können wir mal kurz eine Pause machen“ flüstert verschämt die Blase gegen das Keuchen der Lunge an?

„Besser nicht“ antwortet der Darm. „Eher sollten wir einen Schlag zulegen. Nur so als Tipp.“

„Auf gar keinen Fall“ grätscht die Herzfrequenz aufgeregt dazwischen. „Das Tempo muss UNBEDINGT so bleiben.“

„Genau!“ ruft der restliche Körper. „Sonst lerne ich nix.“

„Ich habe euch gewarnt“ der Darm.

„Pause…bitte…sonst…“ die Blase

„Wehe“ kreischt die Jogginghose, „ich bin frisch gewaschen.“

Schallendes Gelächter aus allen Teilen des Körpers.

„Was denn?“  fragt die Jogginghose eingeschnappt, fühlt sie sich doch ausgelacht.

Die Hände halten den Bauch vor Lachen, das Zwerchfell kollabiert fast, die Lunge weiß nicht, wo sie zuerst nach Sauerstoff suchen soll und die Muskeln pressen schwer kichernd hervor: „Jetzt tu mal nicht so. Es weiß doch wirklich jede dumme Sehne, dass Jogginghosen nicht sprechen können.“

Beleidigt zieht sich die Jogginghose Richtung Knie zurück und die Blase bittet die Muskeln, wenn sie doch schon so gut wie freiliegt, dann könnten sie doch mal kurz anhalten.

Der Darm macht sich in seiner ihm eigenen Art bemerkbar und merkt erneut an, dass eine zeitige Heimkehr der Jogginghose sehr zum Wohle reichen würde.

Das Hirn ruft „Meuterei! Wenn hier einer über Rückzug entscheidet, dann bin das ja wohl ich“, behält den Kurs bei und schickt dem Darm per NervenApp eine Abmahnung.

Nach zwei weiteren Kilometern

„Hey, das macht so irre Spaß“ kreischt das Dopamin. „Wie findet ihr mein neues Stirnband. Mega, oder? Lasst uns abheben.“

„Schnauze“, kommt es von den Augen. „Wir müssen uns konzentrieren. Nur, weil die Muskeln mal wieder schlappmachen, kommen wir in die Dunkelheit.“

„Oh nein“, heulen die Knie. „Auf der letzten Schramme ist gerade Schorf gewachsen.“

„Beruhigt euch“, versucht das Hirn die Eskalation der Knie aufzuhalten, während das Dopamin krumm und schief Highway to Hell angestimmt hat.

„Konzentrier dich bitte nur auf das, was wir dir schicken“ bitten die Augen das Hirn.

„Ja, bitte“ betteln die Knie.

„Ich kann Multitasking, keine Sorge“ antwortet das Hirn, kurz bevor die Füße über eine Wurzel stolpern.

„Aua“ heult das rechte Knies auf während das linke vor Wut fast aus der Scheibe springt.

„Das nächste Mal bleibe ich zu Hause. Ich habe keinen Bock mehr auf diesen Mist. In drei Jahren bin ich im Arsch, wenn ihr alle so weitermacht“ schreit es. „Du bist mir herzlich willkommen“ rülpst der volle Darm. „Es ist doch in der kleinsten Ritze Platz.“

„Multitasking ist übrigens ein Mythos“ meldet sich Vera F. Birkenbihl aus dem Himmel. „Kein Hirn ist dazu wirklich in der Lage.“

„Außer meinem“ korrigiert Albert Einstein von der Nachbarwolke. „Verzeihen Sie mir die Einmischung, meine Liebe. Darf ich Sie zu einer Tasse Darjeeling einladen.“ „Ein Bier wäre mir lieber. Bin gleich da.“

„Ääääh….wo sind eigentlich die Hunde“ fragen die Ohren und lenken die Aufmerksamkeit wieder zurück auf Erden?  „Lange nicht gehört.“

„Lange nicht gesehen,“ ergänzen die Augen.

„Ich glaube, die sind hinter den Wildschweinen her“ wispert die Nase verschnupft.

„Was?“ kreischt das Hirn. „Das sagst du erst jetzt?“

„Du interessierst dich doch beim Joggen nie für das, was ich sage“ gibt die Nase eingeschnappt zurück.

„Du hast beim Laufen immer nur Synapsen für die Augen, nie für mich.“

„Wir müssen die Hunde suchen“ sagt die Seele.

„Wir müssen nach Hause“ brummt der Darm.

„Wir müssen schnell zum Auto“ jaulen die Augen.

„Wir müssen gleich mal eine Pause machen“ schluchzen die Muskeln.

„Au ja, Pause“ freut sich die Blase.

Noch ein Kilometer

Die Hunde sind wieder da.

Das Hirn gibt die letzten Reserven frei.

Die Muskeln jaulen. Die Sehnen wehren sich gegen das Zerreißen.

Der Darm auch.

Nach knapp einer Stunde kommt der Körper wieder am Auto an.

Die Lunge ist eingeschnappt. „Jetzt, wo ich gerade so richtig weit bin, muss ich wieder in die ungesunde Heizungsluft zurück.“

„Nie wieder“ fluchen die Muskeln.

„Das sagt ihr immer“ meckern die Sehnen.

„Boah, das war knapp“ mutmaßen die Augen.

„Hauptsache, ihr hattet alle Spaß“ schnappt die Nase.

 

Gemecker. Gemotze. Gezetere.

Und mittendrin erklingt ein letztes

And I'm going down
All the way
Whoa!
I'm on the highway to hell

aus dem weit geöffneten Munde des Dopamins.

Bis zum nächsten Mal.

 

 

 

 

Melanie KniesComment