Camp Canis im Gespräch mit Ines Kivelitz

Ein Gespräch mit Ines Kivelitz

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Ines Kivelitz ist Hundetrainerin, Dozentin, Mehr-Mehr-Noch Mehr-Hundehalterin, Schleswig-Holsteinerin, Verhaltenshomöopatin und Rudelführerin in der hauseigenen Hundepension. Aktuell hat sie 30 eigene Hunde.

Außerdem ist Ines Kivelitz eine Klarsprecherin, eine Kommunikationsakrobatin – nicht nur, wenn es um Hunde geht. In ihren Workshops ist sie in der Lage, auch dem Menschen auf eine Weise ihr Wissen zu vermitteln, die schwer zu beschreiben ist.

Kennt ihr das nicht?

Manche Menschen haben eine Art sich zu bewegen, Hunde anzufassen, Menschen anzuschauen, einzufangen, zu berühren, ohne selber viel zu tun oder Energie zu verschleudern und doch stoßen sie gedanklich kiloschwere Scheunentore auf. Das geschriebene Wort hier wird unserem Gespräch nicht gerecht. Aber Ines ist ja umtriebig und sehr mobil. Lern sie irgendwo in Deutschland kennen, mach dir dein eigenes Bild. Hier ein kleiner Vorgeschmack.

In vielen Gesprächen mit Hundetrainern, unter Hundehaltern, auf Workshops oder Seminaren oder wenn es darum geht, ein Buch zu verkaufen, wird die vielgelobte und hochgepriesene „Beziehung“ bemüht, die im besten Falle gestärkt wird. Alles, was es auf dem Hundemarkt gibt, scheint gut für die Beziehung zu sein. Was ist Beziehung in Bezug Mensch-Hund für dich? Und was ist wirklich gut dafür, abgesehen von der Teilnahme an Camp Canis, die ja zweifelsfrei als absolut beziehungsfördernd zu bewerten ist.

Ines, ihr Schmunzeln höre ich durch den Telefonhörer, antwortet:

Unabhängig von der Wissenschaft ist Beziehung für mich Vertrauen, sich verstehen aber auch sich zuhören können. Dazu gehört auch das Erkennen, wo der andere Schwächen hat und da nicht einfach drüber zu bügeln.

Zack – in meinem Hirn blitzen diverse Situationen in Bildern auf, in denen ich über die Schwächen meines Hundes drüber gebügelt bin: weil ich sie nicht erkannt habe, weil ich keine Zeit hatte, weil ich mir nicht die Blöße geben wollte, weil ich die Schwäche als Verweigerung interpretiert habe, weil…weil…weil….

(Ines) Vertrauen braucht es, um gemeinsam Aufgaben zu lösen, wie z. B. auch bei Camp Canis. Sich ergänzen können, gehört dazu. Ein Beispiel ist die Nasenarbeit. Ich kann als Mensch den Geruch nicht identifizieren und der Spur folgen. Hier muss ich die Hilfe meines Hundes annehmen. Vertrauen und damit auch Beziehung, das ist Stärken und Schwächen wahrnehmen.

Bei allem Unbekannten wird sich das Vertrauen zeigen, dass zwischen mir und dem Hund besteht. Kann ich mit ihm neue Wege bestreiten, neue Dinge machen, für den Hund bedrohliche Hindernisse meistern? Kann mein Hund mitgehen? Vielleicht mit Furcht, aber trotzdem mitgehen?

Ein „Du machst das jetzt“ legt keinen Grundstein für Vertrauen.

Und Beziehung hat auch etwas mit Erwartungen zu tun,

fährt Ines fort und lässt mich auf diesem Begriff rumkauen. Erwartungen haben ja das Potenzial, uns ganz gehörig in die Suppe zu spucken.

Wie merke ich denn, ob mein Hund mir vertraut, ob wir eine gute Beziehung haben?

Das merkst du zum Beispiel daran, ob er sich draußen, trotz vorlaufen, zu dir umdreht, sich an dir orientiert. Drinnen kann dein Hund sich – vorausgesetzt, es ist kein Galgo (schmunzelt) – fallen lassen. Das ist aber auch rasseabhängig.

Soziale Lebewesen streben in der Regel ja nach Harmonie. Dem Hund im Zusammenleben mal entgegen zu kommen, ist nicht gleich die Abgabe der Weltherrschaft.

…und könnte manch einem Herrchen oder Frauchen guttun. Nicht nur in der Beziehung zum Hund, sondern auch in der Beziehung zu Mitmenschen.

(Ines) Bei Veranstaltungen wie Camp Canis könnte es Situationen geben, in denen ein souveräner Rückzug mehr Sinn macht, als ein „los jetzt“. Grenzen ausloten und angemessen über Grenzen gehen, sollte das Ziel sein. Das macht ja auch das Teamding aus. Für mich ist es wichtig, im Team zu merken, was kann der Einzelne – Hund oder Mensch -  und was nicht. Wo muss der Ehrgeiz dem Einzelschicksal hintenangestellt werden?

Jawoll, schreit es leise. Das ist genau das, was Camp Canis auch möchte. Verrückt aber nicht kopflos, mutig aber nicht irre, ehrgeizig aber nicht maßlos.

Risiken, fährt Ines fort, bestehen für mich bei Hunden, die extrem außenorientiert sind, z. B. jagende Hunde. Hier ist Achtsamkeit gefragt, um zu erkennen, wann verbrennt sich der Hund selber? Auch das gehört zu Beziehung und Vertrauen.

Eine Beziehung habe ich ja im Prinzip mit jedem Lebewesen, selbst mit der Kassiererin bei Edeka. Während sie – im übertragenen Sinne – aber nur bis an mein Gartentor kommt, schafft es mein Hund bis in mein Schlafzimmer.

…oder ins Bad, um die Intimität noch zu verdeutlichen. Die Frage nach der DeutschlandCard oder ob ich Treuepunkte sammle, fällt mir allerdings einfacher zu beantworten, als die Frage meines Hundes, ob er dieses oder jenes darf. Allein das „Hören“ der Frage… manchmal bin ich einfach taub. Oder auch die Ankündigung des Vierbeiners zu verstehen, dass, wenn ich jetzt nicht reagiere, etwas passiert, was mir sicher nicht gefallen wird. Ich fürchte, ich lasse meinen Hund öfter mal am Gartentor stehen und gehe mit der Kassiererin ins Bett.

(Ines) Um die Symptome, die mir zeigen, dass mein Hund sich gerade selbst verbrennt oder überdreht, zu erkennen, muss ich meinen Hund kennen. Es handelt sich ja für den Hund in solchen Fällen um positiven Stress, der zu viel wird. Anzeichen können große Pupillen und eine hohe Atem- oder Herzfrequenz sein. Außerdem wird der Blick „irre“.

Was muss passieren, dass wir dich mit einem deiner zahlreichen Hunde bei Camp Canis an den Start bekommen?

Das Team Kivelitz wird es am Start geben, sobald ich mehr Zeit habe und mein Pferd eingeritten ist. Aber dann wäre ich dabei.

Für wen ist eine Veranstaltung wie Camp Canis wirklich zu empfehlen? Wem würdest du von der Teilnahme abraten?

Für mich können alle Hunde an den Start, wenn es keine gesundheitlichen Einschränkungen gibt. Dabei denke ich an Arthrose, Atemprobleme oder ähnliches. Vielleicht sollte der Basset, der sich bei jedem Schritt auf die eigenen Ohren latscht mit dem Tea Cup Chihuahua auch besser hinter der Startlinie bleiben.

Neben der Beziehung wird der Bereich der Auslastung mindestens genauso großgeschrieben. Auch hier sehen wir uns gut aufgestellt – sehr gut, wenn das Eigenlob erlaubt ist. Aber nicht alles, was der Markt zu bieten hat, ist auch wirklich zu empfehlen. Da gibt es unendlich viele Dinge, die die Welt nicht braucht: Bälle, Frisbees, fliegende Dildos, schwimmende Leuchttürme etc. Kein Wunder, dass Hundehalter ins Grübeln geraten und nur schwer eine Idee davon bekommen, was wohl für ihre Lieblinge das Beste ist. Artgerecht und sinnvoll auslasten. Nur was heißt das? Wie sollte deiner Meinung nach die Beschäftigung von Hunden aussehen? Braucht es die überhaupt? Welchen Gefahren sind Hundehalter im Reich der bunten Spiel- und Beschäftigungsmöglichkeiten ausgesetzt?

Ines‘ Schmunzeln ist jetzt nicht mehr zu überhören. Der Seufzer auch nicht.

Ich bin echt kein Auslastungs-Fan. Ich finde Beschäftigung lästig. Ich finde es besser, Dinge in den Alltag zu integrieren und den Hund dabei sein zu lassen. Ich finde es okay, wenn der Hund beim Spaziergang Gerüche aufnimmt, wenn ich ihn diese verarbeiten lassen, wenn er – kontrolliert – eigene Dinge tun darf, seinen eigenen Gedanken hinterher hängt.

Autsch. Schon wieder erwischt. In einem durchgetakteten Leben habe ich, ehrlicherweise und in der Hoffnung, damit nicht alleine zu stehen, oft eine sehr genau Vorstellung davon, wie lange ein Spaziergang dauern soll oder wie lang er wird. Heute laufen wir die 5 km, morgen gehen wir eine Stunde raus und übermorgen müssen wir um 15 h wieder am Auto sein. Da ist nicht immer Raum für „lassen“. Stattdessen wird für die Auslastung dann doch das Bällchen geworfen oder auch nur dauernd ein „komm jetzt“ gefolgt von einem „weiter“ in den entspannten Wald geschmissen. Lassen. Einfach mal lassen. Gute Idee.

Ines geht noch einen Schritt weiter und setzt den nächsten Fuß auf mein zartes Gewissen:

Oft steckt bei der Auslastung des Hundes ein Mangel an Selbstreflexion dahinter. Wichtig zu erkennen, wann wird es mir zu viel, wann bin ich nur beim Hund?

Hütehunde haben rassetypisch ein höheres Suchtpotenzial. Hier muss der Halter die Zeichen lesen können, wann sein Hund drüber ist. Es geht nicht immer um weiter, höher, schneller. Es geht viel mehr darum zu sehen: steht der Hund noch in Kontakt mit mir oder macht er eigene, irrsinnige Dinge. Spult er nur noch ab?

Beispiel Agility: das ist ja im besten Sinne wie Freestyle Longieren. Dazu müsste der Parcours aber ständig geändert werden. Und ich meine nicht nur die Höhe der Hindernisse. Camp Canis ist sorgenfrei. Hier ist durch die Vielfalt der Hindernisse kein Abspulen möglich. Und das Schöne an Camp Canis ist, dass es nicht um Siegen oder Bestzeiten geht, sondern nur um Dabeisein, Mitmachen und Spaß haben.

Zu guter Letzt ist Beschäftigung für mich auch die Einladung an meinen Hund, an meinem Leben teilzunehmen. Dazu kommt dann noch die Kommunikation mit Artgenossen.

Nicht weniger spannend die Frage, wie du deine eigenen Hunde bewegst? Lässt sich ein Windhund für den Zugsport begeistern? (Wenn ja) Welcher von deinen Hunden würde sich bei Camp Canis froh gestimmt an den Start begeben?

Ja. Ich gehe auch spazieren, aber nicht jeden Tag. Meine Hunde begleiten mich zur Arbeit und werden dort eingesetzt. Unter anderem helfen sie meinen Kunden, den Menschen bei ihrer Persönlichkeitsentwicklung. Probleme sind nicht immer sachlicher Natur, wie z. B. mal Nein sagen können, bestimmter auftreten, mehr präsentieren, wissen „was will ich, was nicht“.

Menschen lernen, dem Hund zuzuhören, feiner zu werden und Grenzen zu setzen. Und das hat wiederum einen Einfluss auf das Leben, den Alltag. Das Gelernte überträgt sich automatisch. Das ist wie bei einem Stein, den ich ins Wasser werfe und der auf der Oberfläche einen Kreis nach dem anderen bildet, die sich ausweiten.

Von meinen Hunden würden sich Frau Suhrbier oder Hetty. Beide sind lustig, können gut zuhören und entdecken gerne neue Sachen mit mir zusammen. Also die perfekten Teilnehmerinnen.+

Und wenn Windhunde gelernt haben zu ziehen, ist das bestimmt witzig und ne gute Auslastung für die Hunde. Gerade unsichere Hunde können mehr Selbstbewusstsein bekommen. Sie müssen vorlaufen, dürfen schnell laufen und quasi den Menschen führen. Es macht Spaß und der Hund kann spielerisch Verantwortung übernehmen lernen.

Nach unseren Vorstellungen darf ein Hund mit dem ersten Geburtstag an den Start. Welchen Lebensmonat sollte der junge Hund für das Aufbautraining davor erreicht haben?

Ich finde, das Alter ist angemessen, wobei es immer wieder individuell überprüft werden muss. Große Rassen wachsen deutlich langsamer als kleine. Hier gilt es, die Belastungsgrenze zu überprüfen.

Für einen 12 Monate alten Hund ist die geistige Herausforderung natürlich auch anspruchsvoll. Wenn die Hormone gerade verrückt spielen und der Rüde nur Weiber im Kopf hat, dann wäre ein Start bei Camp Canis für ihn unfair. Er wäre gar nicht in der Lage, die Aufgaben und Hindernisse geistig zu verarbeiten, wenn er nur am Überlegen ist, wie er unter den Rock der nächsten Hündin kommt.

Das Training mit dem Junghund sollte sanft ablaufen und im besten Fall mit einem Tierarzt oder einem Physiotherapeuten besprochen werden.

Danke, Ines.

Wer Ines Kivelitz persönlich in einem Workshop kennenlernen möchte, dem legen wir das Dog Watching mit unseren matschigen Händen dicht ans Herz. „Guck mal wie schön die spielen!“ und zack gibt es eine schöne Keilerei, „Der Lucky hat immer ganz viel Angst vor anderen Hunden“ kaum ausgesprochen, läuft Lucky steifbeinig stolzierend mit Bürste durch die Hundegruppe. Mehr dazu unter www.hundsein.de. Termin: 02. -  04.02.2018 | Wo: 25358 Horst

 

Melanie KniesComment