Zuggeschirre und Jöringleinen

CAMP CANIS Kleiderkammer #1

 Auf die Größe kommt es nicht an.

Und ob!

26. September 2017

X-Back, H-Back. Safety, Non-stop, Panic Snap, Jöringleine, Man Mat, Dragråttan… Einsteiger im Canicross-Geschäft bekommen zum Start eine Menge neue Begriffe auf den Trail geschmissen. Wie immer, braucht es beim Betreten eines neuen Bereichs etwas Zeit, um alles zu sortieren und zu begreifen. Auch wenn, wie immer gerne beim Thema Hund, die Meinungen auseinandergehen, sollte jede Diskussion dennoch im Sinne desselbigen geführt werden. Mit diesem Artikel tüfteln wir die Unterschiede bei Zuggeschirren auf, geben ein paar Tipps, wie der richtige Sitz überprüft werden kann und ergänzen ein paar Infos zu dem Thema Jöringleinen. Wer mit seinem Hund gemeinsam Zughundesport betreibt, ob im Fun oder im Ernst Bereich, kommt nicht drum herum, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und ein paar Euro aus der Tasche zu ziehen. Aber der Spaß am geneinsamen Sport oder Abenteuer und die Gesundheit deines Hundes ist die Investition allemal wert.

Und denk an das, was Mutti und Oma schon immer gesagt haben: Wer billig kauft, kauft zweimal.

·      Ein Norweger tut es doch auch.

Könnte man meinen, oder? Hauptsache, der Hund wird nicht am Halsband angeschnallt und gut.

Nein. Dem ist nicht so.

Wer seinen Hund im Zug laufen lässt, sollte dafür Sorge tragen, dass die Zugverteilung für den Vierbeiner optimal ist. Und das kann weder ein Norweger noch ein „Schmusebacke“ oder „Der tut nix“ Geschirr leisten. Da braucht es ein richtiges Zuggeschirr, um Fehlhaltungen und Folgeschäden für den Hund zu vermeiden. Ein passendes Zuggeschirr blockiert weder die Schultern noch die Luftröhre. Wer nachfühlen möchte, wie sich falsches Equipment auf Körper auswirkt, darf gerne seinen Laufgürtel so hoch einstellen, dass er im unteren Rückenbereich liegt, damit dann auf Zug 5 km durch den Wald laufen und gut gelaunt auf den nächsten Tag warten. So fühlt sich ein falscher Zugpunkt an.

Alternativ kannst du auch im Wollpullover joggen gehen oder mit Sneakers beim Marathon starten.

Die richtige Ausrüstung macht nicht nur Sinn. Die macht auch Spaß. Selbst wenn dein Hund nicht zieht, sollte er sich gut und frei bewegen können und in seiner Bewegung wohl fühlen.

·      „Und ich dachte, der röchelt immer beim Laufen“

 Sätze, die ein CaniX-Trainer nicht hören möchte. Den korrekten Sitz eines Geschirrs zu überprüfen, ist gar nicht so schwer. Du kannst ihn an vier Stellen überprüfen. Wir sprechen hier übrigens und ausschließlich über ein Langgeschirr und über den korrekten Sitz unter Zug. Das gilt es, bei der Überprüfung zu beachten. Am besten, du stellst eine Futterschüssel, einen Hasen, einen Quietschball oder einen mit Leberwurst eingesalbten Menschen einige Meter vor den Hund im Geschirr und erlaubst ihm, auf das Objekt seiner Begierde loszustürmen. Dabei hältst du ihn von hinten am Geschirr fest und zwar dort, wo die Jöringleine eingehakt wird. Und dann sollte es folgendermaßen aussehen:

Vier gewinnt

√        1. Brustbein: Das Geschirr sitzt unterhalb des Halses auf dem Brustbein. Das Brustbein kannst du leicht erfühlen. Es handelt sich um den Knochen am Ende der Luftröhre unterhalb der Kehle. Der Halsausschnitt des Geschirrs liegt eng um den Hals und lässt keinen Raum zum Schlackern. Damit wird verhindert, dass das Geschirr auf die Schultern rutscht.

√        2. Hippe Rippe: Die Gurte, die über die Rippen auf den Rücken führen, liegen auf den letzten beiden Rippenbögen. Liegen sie davor, wird es, wird es vermutlich unter den Achseln zu eng. Liegen sie hinter dem letzten Rippenbogen, drücken sie in die Weichteile. Beides blöd.

√        3. Schulter ohne Grenzen und Freiheit für die Achsel: Der Teil des Geschirrs, der um den Hals liegt und von dort über den Rücken führt, sitzt oberhalb der Schultern. Dies ist nötig, damit der Hund mit den Schulten ausholen kann, um frei voran zu kommen. Es wird ihm eindeutig mehr Spaß machen, wenn er nicht ständig von einem Stück Gurt begrenzt wird. Auch die Achseln sollten frei bleiben, damit es nicht zu Scheuerwunden kommen kann.

√        4. Wurzelende: Der vierte Zugpunkt wird vom Ende des Geschirrs definiert. Die kleine Schlaufe (Loop) am Ende sollte idealerweise nach hinten weg am Rutenansatz beginnen. Wer will, kann einen Soft-Schäkel durch den Loop ziehen und dort den Karabiner der Leine einhaken.

Camp Canis Motions (6).jpg

Die Sache mit dem X

Zuggeschirre gibt es, wir erwähnten und ihr wisst es bereits, von unterschiedlichen Herstellern in unterschiedlichen Varianten. Wir arbeiten uns mal Buchstabe für Buchstabe durch.

√        Das X-Back

Den Namen hat dieses Geschirr von dem X-förmigen Verlauf der Gurtbänder auf dem Rücken (Back). Es wird von diversen Herstellern geklöppelt und ist das klassische Geschirr, das für Schlittenhunde designt wurde. Dem Husky und dem Hound passt es in der Regel sehr gut, beim Labrador oder Aussie kann es anders aussehen.

Das X auf dem Rücken sorgt für eine Stabilisierung desselbigen. Das ist besonders wichtig für Hunde, deren Muskulatur im Rückenbereich noch nicht so ausgeprägt ist. Diese Hunde werden durch die Begrenzung des X auf dem Rücken im Lauf unterstützt, aber nicht eingeengt. Hunde, die am Anfang ihrer Zugkarriere stehen oder Hunde, die

die im Fun-Bereich laufen, sind in solch einem Geschirr gut aufgehoben.

√        H-Back

H statt X, aber die gleiche Funktion. Schaut man von oben auf einen Vierbeiner, der dieses Geschirr trägt, ist das H auf dem Rücken als Namensgeber schnell entdeckt. Bei Non-Stop Dogwear ist an diesem Geschirr ordentlich was los, würde Guido Maria Kretschmer sagen. Hier wurde einiges an Material verbaut und die Möglichkeit geschaffen, Länge und Breite über Schnallen zu verstellen. Diese Möglichkeit bieten andere Geschirre sonst nicht.

√        Faster

Aus Tschechien kommt das Faster Zuggeschirr, das gängige Anbieter auch in Deutschland im Repertoire haben. Beim Faster wurden X bzw. H aus dem Rücken ausgeschnitten, so dass ein V-Ausschnitt übrigblieb und somit der Rücken frei von Gurt ist. Das Faster öffnet den Rücken, so dass sich der Hund im Sprint krümmen und mit Schmackes weit nach vorne strecken kann. Dieses Geschirr eignet sich daher für Hunde, die mit einer gut trainierten Rückenmuskulatur ausgestattet sind. Das Faster ist kein Geschirr für den Anfängerhund und auch kein Geschirr für den Wochenendläufer. Hunde, deren Rückenmuskulatur nicht fest genug ist, wackeln wie Pudding im Geschirr. Das Faster ist das Geschirr für den austrainierten Profi, der die fehlende Stabilisierung des Rückens durch Muckis ausgleicht.

CaniX-Trainer lassen auf Veranstaltungen nicht selten hinter vorgehaltener Hand vernehmen, dass viele Geschirre nicht korrekt sitzen. Das ist auch nicht so einfach. Ein Hund ist nicht wie der andere und doch soll das Geschirr für alle passen. Hier lohnt es sich, den Weg zum Profi auf sich zu nehmen. Nun ist selbst in einer Stadt wie Berlin oder Bielefeld der nächste CaniX-Laden nicht gleich um die Ecke. Umso angenehmer der Service des einen oder anderen Anbieters, der nach einem telefonischen Beratungsgespräch mehrere Geschirre zur Auswahl schickt. Bernd Dickel von Dogsport Company ist solch ein Anbieter, der niemals müde wird, bis das Geschirr sitzt.

·      Der gedämpfte Ruck dank Jöringleine

Um die Ausrüstung zu vervollständigen, fehlt die Jöringleine. Das ist eine Leine, die an der einen Seite eine Schlaufe und an der anderen Seite einen Karabiner hat. Dazwischen befindet sich der Ruckdämpfer.

Wir 2-beiner haben – es liegt in der Natur der Sache – einen anderen Laufschritt als unsere 4-beiner. Die Jöringleine tut ihr Bestes, diese Unterschiede auszugleichen. Zughundesport ohne Ruckdämpfer ist wie mit dem Auto abgeschleppt werden. Da ein Abschleppseil diese Dämpfer-Funktion nicht hat, spürt der Abgeschleppte jeden Ruck und jede Bodenwelle – im Voraus.

Wer mit einer starren Leine canicrosst, spürt es selber und verpasst seinem Hund jedes Mal einen ordentlichen Stoß im Rücken, wenn Zug auf die Leine kommt. Klingt blöd. Ist es auch.

Zwischen Leine und Laufgürtel wird – bei vielen Rennen Vorschrift – ein Panic Snap zwischengeschaltet. Das ist ein Haken, der mit einem Ruck am roten Faden sofort öffnet und die Leine samt Hund frei gibt. In brenzligen Situation ein durchaus attraktives Accessoire.

√        Hart oder soft?

Jöringleinen gibt es in unterschiedlichen Stärken, abgestimmt auf das Gewicht des Hundes, nicht auf deinen Geschmack. Je gewichtiger der Hund, desto stärker die Leine. Wenn ein 40 Kilo Husky in eine weiche Jöringleine kracht, dann ist die Funktion des Ruckdämpfers nach wenigen Hüpfern dahin. Andersherum wird ein 10 Kilo Hund mit einer starren Leine wenig Spaß am Ziehen haben, da der Widerstand unüberwindbar wird. Auch hier ist die Funktion einer Jöringleine außer Kraft gesetzt.

Viele Anbieter geben Gewichtsklassen bei ihren Jöringleinen an.

√        Lang oder kurz

Jöringleinen werden i. d. R. in zwei Längen angeboten. 2 Meter und 2,70 Meter. Wir sprechen hier vom ausgezogenen Zustand.

Bei Wettbewerben gelten, je nach Veranstaltung, bestimmte Regeln für die Länge der Leine. Beim Bikejöring ist die Leine wegen des längeren Bremswegs auch länger.

Im Canicross-Fun-Bereich ist die Länge eher Geschmackssache und eine Frage der Koordination bzw. des Handlings. Erkundige dich aber sicherheitshalber beim Veranstalter, ob es Vorgaben gibt. An der Leine soll es ja nicht scheitern. Eine Übersicht über die Vorschriften siehst du in der Tabelle anbei.

Leinenlängen offsnow.jpg
Melanie Knies