Camp Canis? Für mich?

CAMP CANIS Kraftraum #1

Annie Berger, Hundephysiotherapie

10. September 2017

Hey, kennst du das? Irgendwann in deinem Leben stehst du vor dem Spiegel und musst dich entscheiden. Mit deinen zu groß geratenen Vorderpfoten knautschst du an deinen schlaffen Lefzen herum, stellst dich seitlich, ziehst den Bauch ein und alles, was dabei passiert, ist ein seltsames Geräusch und ein Duft in der Luft. An der Taille erkennst du jedoch keine Veränderung.

 Wenn Herrchen und Frauchen von der Arbeit kommen, machst du es dir auf dem Sofa mit ihnen gemütlich. Es gibt Popcorn und im Fernsehen kocht Jamie Oliver das perfekte Steak. Du lässt dir schön die Plauze kraulen und dämmerst so langsam dahin. Dabei träumst du von der liebreizenden Nachbarshündin, die Joggen und Fahrradfahren geht, mit Frauchen über Hürden springt und durch den Matsch robbt. Schlagartig erwachst du und weißt, was du zu tun hast: Du musst fit werden! Für sie. Nein, für dich! Und außerdem faseln deine Menschen in letzter Zeit des Öfteren von irgendeinem Camp. Camp Canis oder so.

 Doch zunächst solltest du deine Checkliste zum Sporttreiben abhaken:

·      Der Hund muss ausgewachsen sein.

Das Welpen- und Junghund-Dasein ist für das Wachstum des Körpers und die Erziehung da. Nur leichte gelenkschonende Bewegung steht hier im Mittelpunkt. Erst nach Abschluss des Wachstums darf Sport getrieben werden. Ansonsten können sich die Wachstumsfugen der Knochen nicht vernünftig schließen und es kann zu Fehlstellungen, Deformationen und Knochen- und Knorpelabsprengungen kommen. Einiges muss dann operativ versorgt werden und führt zu frühzeitigen schmerzhaften Arthrosen. Das will niemand!

Kleine Hunde sind zwischen dem 12. und 14. Lebensmonat ausgewachsen, große Hunde zwischen dem 14. und 16. Lebensmonat. Riesenrassen brauchen mitunter sogar 18 Monate für ihr vollständiges Wachstum.

·      Für Sport ist es nie zu spät.

Ab einem schon viel zu frühen Alter (beim Hund ab schätzungsweise 6 bis 10 Jahren, je nach Größe) werden die Muskeln automatisch schwächer und bauen ab. Da haben wir den Salat! Gassigehen ist toll, aber gezieltes Training ist besser und effektiver und hält nicht nur den Körper, sondern auch den Geist fit.

·      Der Hund muss gesund sein.

Es versteht sich von selbst, dass bei Durchfall, Magenbeschwerden, Fieber etc. der Hund geschont werden muss. Das Gleiche gilt für Entzündungen aller Art. Ist sich der Mensch unsicher über den Gesundheitszustand seines Hundes, sollte er einen Tierarzt zu Rate ziehen.

Hunde mit Herzerkrankungen, Problemen am Bewegungsapparat und/oder Übergewicht sowie Hundesenioren brauchen ein spezielles Training. Dies sollte mit einem Hundephysiotherapeuten besprochen werden, der für jeden Vierbeiner individuelle Trainingspläne erstellen kann.

Auch kurznasige Hunde, Hunde mit kurzen Beinen (und dazu eventuell langem Rücken) und Hunde mit schwerem Körperbau (z. B. Neufundländer) haben besondere Bedürfnisse.

·      Erreichbare Ziele stecken.

Nichts ist schlimmer als Zwang. Für einen sportlich aktiven Hund dürfen Bewegung, Training und Übungen niemals ein Muss sein. Die mentale Verfassung spielt eine große Rolle. Vielzusehr tendiert der Mensch dazu, seinen Hund unter Druck zu setzen und von Anfang an Höhenflüge zu erwarten. Da ist der Hund schnell überfordert und die Lust geht verloren. Werden dem Hund kleine, leicht zu erreichende Ziele gesetzt, bleibt die Motivation erhalten und der Spaß kommt dazu.

Gut dabei ist aber, dass ein Hund dem Menschen in Sachen Fitness fast immer überlegen ist. Mal abgesehen vom Vierpfotenantrieb sind schon die Muskelfasern des Hundes auf schnelle Sprints und hohe Ausdauer angelegt. Hunde können stundenlang weite Strecken laufen mit nur kurzen Pausen zwischendurch. Doch für diese Leistung muss auch ein Sofawolf fit gehalten werden. Sonst verkümmern die Muskelfasern, die Muskeln verkürzen sich und atrophieren, also schwinden. Die Knochen demineralisieren (Osteoporose!), Gelenkbänder werden instabil, Sehnen sind nicht mehr so belastbar, die Mobilität der Nerven ist vermindert. Auch die Gelenke der Gliedmaßen sind verletzungsgefährdet und verschleißen im Laufe der Zeit. Deshalb brauchen sie Bewegung und Stabilität. Dies übernimmt die Skelettmuskulatur und dafür muss sie stark genug sein.

·      Sonstige Anforderungen

Wichtig! Vor jedem Training muss der Hund aufgewärmt und nach dem Training ausgelaufen werden.

Beim Training sollte der Hund an einem gut sitzenden Brustgeschirr und an der Leine geführt werden.

Ideal sind Temperaturen bis 18°C und eine Luftfeuchtigkeit bis maximal 85 %. Dem Hund sollten aus gesundheitlichen Gründen höhere Temperaturen für ein exzessives Training nicht zugemutet werden.

Trainings sollten möglichst auf weichem (federndem) und rutschfestem Untergrund stattfinden. Feld- und Waldwege eignen sich daher ausgezeichnet.

·      Ruhephasen

Ein Hund braucht Pausen. Er schläft ca. 18 Stunden am Tag. Welpen, Senioren und Kranke sogar etwa 21 Stunden. Für das Training gilt also: Weniger ist immer mehr!

Und das Wichtigste bei allem: Spaß muss es machen! Der Hund braucht Lob, Lob, Lob und sollte zu hören bekommen, wie toll er alles gemacht hat.

Bei aller Fitness muss es aber auch Spaziergänge geben, bei denen nach Lust und Laune rennen, toben, Ball fangen, Quatsch machen, Schnüffeln und Trödeln, das Stürzen auf Mauselöcher und das Durcheinanderwühlen von Maulwurfshügeln erlaubt sind.

Fazit: Wenn der Hund ausgewachsen und gesund ist, der Mensch gelernt hat, Anzeichen von Erschöpfung, Krankheiten oder Verletzungen zu erkennen und das Training mit einer gesunden Mischung aus ebensolchem Menschenverstand und Bauchgefühl durchgeführt wird – legt los!!!

Melanie Knies